Die Verehrung des heiligen Liborius, Patron gegen Nierensteine und identitätsstiftende Figur für Paderborn, entfaltet sich nicht nur in Reliquiaren, Altären und Prozessionen, sondern in einer vielgestaltigen, europaweit vernetzten Druckgrafiktradition. Prof. Dr. Hans-Walter Stork, Kunsthistoriker und Direktor der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn, hat diese Vernetzungen in seinem Buch Der heilige Liborius in der graphischen Kunst. „Kleine Andachtsbilder von 1647 bis heute“ nachgezeichnet. Nach den Grußworten von Dr. des. Holger Kempkens, Direktor des Diözesanmuseums Paderborn, und Prof. Dr. Volker de Vry, Geschäftsführer der Liborius-Gesellschaft Paderborn, stellte er es im Diözesanmuseum vor.
In seinem Vortrag spannte er einen weiten Bogen von Antwerpener Kupferstichen des 17. Jahrhunderts über barocke Anrührbilder bis zu modernisierten Darstellungen im 19. und 21. Jahrhundert. Originale graphische Blätter des 17. bis 21. Jahrhunderts aus den Sammlungen der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek und des Diözesanmuseums Paderborn rundeten in einer kleinen Ausstellung die Veranstaltung ab, die in Zusammenarbeit mit dem Diözesanmuseum Paderborn und der Liborius-Gesellschaft Paderborn e.V. stattfand.
Im Zentrum des Vortrags von Buchautor Hans-Walter Stork stand die druckgrafische Ikonografie seit der Antwerpener Bollandisten-Publikation von 1648: frühe Andachtsbilder, ihre Verbreitung, Nachstiche, Abkupferungen, Anrührbilder („Angerührt an die Gebeine des heiligen Liborius“) und die Neuprägung im Festjahr 1736. Als ikonographisch prägend wird Liborius kniend vor Maria und dem Jesuskind sowie die Nierensteine als Attribut dargestellt. Exemplarisch stellt Professor Stork seltene Antwerpener Andachts- und Flugblätter (lateinisch/flämisch), ein hochqualitatives Blatt von 1664 (Antwerpener Kaisers-/St.-Annenkapelle) und Reliquiare mit vielfältigen Formen vor; die Verehrungstopografie reicht weit über Paderborn hinaus (Kirchenschätze, Museen, private Sammlungen). Die Praxis des „Wanderns“ von Frontispizen aus Büchern in den Devotionsgebrauch, so Stork, erschwere die Provenienz- und Bestandserfassung.
Als besonderen Fall stellte Professor Stork eine Liborius-Komposition, die Abraham van Diepenbeeck zugeschrieben wird, vor: Ausgehend von fragmentarischen Fotokopien aus Nachlässen (Surray/Heribert Schmitz) gelang ihm der Nachweis der farbig gefassten Reinzeichnung (Stechervorlage) im Rijksmuseum Amsterdam, die dort als „Blatt mit mehreren Heiligen vor Maria“ geführt wird, während ein gestochenes Exemplar mit den unteren lateinischen Versen bislang in keiner Sammlung nachgewiesen werden konnte. „Der jahrelange Rechercheprozess unterstreicht die Seltenheit ganzer Serien und die Notwendigkeit internationaler Sammlungsanfragen“, folgerte Professor Stork.
In einem zweiten thematischen Strang betonte er die frühe italienische Spur: In Amelia (1647) wurde ein Liborius-Kupferstich samt originaler, stark abgenutzter Druckplatte identifiziert; 1986 zog die Calcografia Nazionale (Rom) zehn Abzüge. Der Befund steht im Kontext der Translatio-Berichte (P. Bonaventura von Rüthen; Druck Huber, Schloss Neuhaus 1650, kriegsverloren), früher Übersetzungen und Adaptionen (München 1656) sowie enger Bezüge zu Bologna. Diese italienischen Impulse gingen den westfälischen Drucken voraus, so Hans-Walter Stork, und beeinflussten Bildideen in süddeutschen Publikationen.
Die Motivwanderung zwischen Medien und Orten entfaltete Professor Stork ebenfalls an zahlreichen Beispielen: vom Antwerpener Blatt zur Paderborner Bruderschaft (1736, vierseitiger Gebetszettel, jüngst als fragmentarisches Original wiederaufgefunden und restaurierungsbedürftig), vom Kupferstich zum Altar (Kapuzinerkirche Paderborn), von Reliquiarapplikationen (Amelia) zu Andachtsbildern und zurück, bis hin zu Einschneide- und Kaschierpraktiken in Reliquienkästen (Willebadessen). Mit regionalen Fallstudien (Stadtpfarrkirche im oberpfälzischen Berching 1690 mit Liborius-Altargemälde als Dank für Genesung; Sulzbach-Bestseller „Die betrübte Turteltaube“ mit Liborius-Darstellung in wechselnden Auflagen) illustrierte er Verluste, Wiederentdeckungen und die Anpassung von Darstellungen durch Stecherwechsel und neue Vorlagen.
Für das 19. Jahrhundert spannte Professor Stork den Bogen zur Nazarener-Sachlichkeit: Akademieauftrag an Müller (Düsseldorf, 1854), eine seltene Lithographie (ca. 150 Subskribenten, nur ein Exemplar nachweisbar) und der verbreitete Stahlstich von Heinrich Kipp (1854) mit breiter konfessioneller Distribution. Anzeigen und Bildgeschenke an Weihejahrgänge belegten die massenhafte Verbreitung, während konkrete Exemplare oft fehlten, so der Autor. Im 20./21. Jahrhundert zeigten zeitgenössische Arbeiten (u. a. Kathrin Heyer; lokale Grafiker; Carla Fusi, Florenz) die Aktualität der Liborius-Ikonografie: Fusi schuf 2000 einen feinen Kupferstich (Auflage 100) und aktuell ein weiteres Blatt (Probedruck, geplante Auflage 50), begleitet von einem Aufruf zur Subskription.
Die Bildgeschichte des heiligen Liborius zeigt die enge Verbindung von Frömmigkeit, Medienpraxis und Kunstmarkt: Ein Frontispiz wird zum Wandbild, „Anrührdrucke“ tragen Kultauren, Jubiläen schaffen Bildmuster. Von 1647 in Amelia über 1648 in Antwerpen bis zu 1736 in Paderborn und in die Gegenwart spannt sich ein Netz aus Motiven, Nachstichen und Reinterpretationen. Die Forschung steht zwischen Fundglück und Fehlspur; ihre Aufgabe bleibt, Fragmente zu vernetzen, Provenienzen zu klären und lokale Praktiken ernst zu nehmen. Wer weitere Originale – ganze Heftchen, signierte Abzüge oder Altaraufnahmen – besitzt, könne helfen, dieses Mosaik zu vervollständigen, schloss Professor Stork seine Ausführungen.
Der im Bonifatius Verlag erschienene Band 2 der Reihe „Analecta Liboriana“ dokumentiert etwa 140 graphische Blätter, jeweils mit Abbildung und erläuterndem Text, die an den Verehrungsstätten des Heiligen in Florenz und Rom, Amsterdam und Antwerpen ebenso hergestellt wurden wie in Paderborn, Prag, Barcelona und Wien.