Hermann-Josef Schmalor

Die Inkunabelbestände in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek 

Formale Bestandsgliederung

Der Inkunabelbestand der EAB ist in vier Gruppen zu gliedern: Durch die Kennzeichnung Th I... (Kurzbezeichnung einfach I...) in der Signatur wird der Inkunabelbestand der Theodorianischen Bibliothek (alte Paderborner Universitätsbibliothek) markiert, in den auch die Säkularisationsbestände der aufgehobenen Klöster des Paderborner Landes eingeflossen sind. Die Kennzeichnung Inc... in der Signatur bezeichnet eine Sammelgruppe von Provenienzen verschiedenster Art. Diese Inkunabeln sind seit dem Zweiten Weltkrieg aus den Altbeständen, die seit Gründung der Bibliothek 1887 in die EAB zum Teil auch als Deposita übernommen wurden, herausgesucht und eigens aufgestellt worden. Daneben gibt es noch Sondergruppen von getrennt aufgestellten Deposita (Kennzeichnung I/+Provenienzbuchstabe...) sowie die Fragmente (Kennzeichnung Fra...), die zum größten Teil aus Einbänden herausgelöst wurden.

Folgendes Schema zeigt im einzelnen die Hauptprovenienzen:

1.Bestand I... : Theodoriana (Jesuiten-, Universitätsbibliothek, 1912/13)
            1.1 Jesuiten selbst (ab ca 1580)
                        1.11 Dombenefiziat Schulte (Legat an die Jesuiten 1598)
                        1.12
Johannes Nicius (Legat an die Jesuiten 1661)
                        1.13
Johannes Fullerus (Legat an die Jesuiten 1662)
            1.2
Säkularisationsgut (ab 1802/03):
                        1.21 Paderborn,Abdinghofkloster (Benediktiner)
                                   1.211
Wulffhardus Swalen (vermutl. Legat um 1500)
                        1.22
Böddeken (Augustiner-Chorherren)
                        1.23
Paderborn, Kapuziner
                                   1.231
Jodocus Candidus (Legat an die Kapuziner, 1616)
                                                1.2311
Heinrich Occator (Geschenk an Candidus)

2. Bestand Inc...:
            2.1 Altbestand EAB (ab ca 1887)
            2.2
Integrierte Deposita:
                        2.21 Wedinghausen (Pfarrei in Arnsberg, 1931)
                        2.22
Brakel (Pfarrei, 1931)
                        2.23
Höxter (Dechaneibibliothek, 1931 und 1973))
                        2.24
Corvey (Benediktiner, 1975)
                        2.25
Verein für Geschichte und Altertumskunde (vor 1925)

3. Sondergruppen:
            3.1 Franziskaner Paderborn (I/F...),(1991)
            3.2
Willebadessen (Pfarrei, I/W...),(1991)

4. Fragmente: Fra...

 

Beschreibung der einzelnen Provenienzen

Das historische Umfeld, in dem sich die Inkunabeln ursprünglich befanden und aus dem sie stammen, also die Bibliotheken der Klöster und Pfarreien, sind im Laufe der Geschichte völlig zerstört worden. Es gibt keine einzige westfälische Klosterbibliothek mehr in ihrem ursprünglichen Zusammenhang, die vor der Säkularisation bereits bestanden hat. Es ist daher sehr schwierig, von den Beständen her eine Rekonstruktion zu versuchen, die Auskunft geben könnte von dem geistigen und kulturellen Horizont der Trägerinstitution. Alte Bibliothekskataloge sind, sofern sie überhaupt in den westfälischen Bibliotheken existiert haben, verschollen oder sehr unvollständig, so daß auch von dort wenig Hilfe zu erwarten ist. Jede Information über diese Bibliotheken ist daher wichtig und wird von der einschlägigen Forschung dankbar zu Kenntnis genommen. So trägt auch der scheinbar wild zusammengewürfelte Bestand von Inkunabeln in der EAB dazu bei, wichtige Mosaiksteine in das Bild der verschiedenen Kloster- und Pfarrbibliotheken einzufügen. Abgesehen von dem eigenständigen Wert einer jeden Inkunabel als Forschungsobjekt und Kulturzeuge trägt sie zur Erhellung der jeweiligen Bibliotheksgeschichte bei, wenn sie zum einen als Teil eines größeren Bestandszusammenhanges gesehen wird, zum anderen wenn die in ihr oft vorhandenen individuellen Eintragungen und Anmerkungen analysiert und ausgewertet werden. Dies soll im folgenden geschehen, wobei jedoch nur Pfade aufgezeigt werden können, die aufgrund des vorhandenen Materials erfolgversprechende Perspektiven auf eine die bereits bekannten Fakten ergänzende Bibliotheksgeschichtsschreibung eröffnen.

Die Charakterisierung der Herkunftsbibliotheken der Inkunabeln, sofern die Quellen eine solche zulassen, soll den geschichtlichen, kulturellen und kirchlich-theologischen Hintergrund erhellen, auf dem die Werke, die ja wegen der Zerstörung des Gesamtzusammenhanges der jeweiligen Bibliothek nur in der Vereinzelung erhalten geblieben sind, in einem anderen Licht erscheinen können. Dabei ist natürlich zu bedenken, daß die Inkunabeln einer Bibliothek immer nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtbestand repräsentieren, der jedoch an einer kulturgeschichtlich wichtigen Schnittstelle zwischen Mittelalter und Neuzeit anzusiedeln ist und somit gleichsam Ausblicke in beide Zeitalter eröffnet.

 

1. Die Provenienzen der I...-Gruppe: Die Theodoriana (Jesuiten-, Universitätsbibliothek)

Die Herkunft dieser Bestandsgruppe ist - gemessen an den übrigen Provenienzen - relativ homogen. Es handelt sich um Bestände aus klösterlichen Gemeinschaften vor allem der Jesuiten, der Benediktiner und der Augustiner-Chorherren, wobei jedoch einzelne Inkunabelgruppen innerhalb dieser Provenienzen bereits eine Geschichte hinter sich haben, die sich auch auf private Buchbesitzer zurückführen läßt..

1.1 Die Paderborner Jesuitenbibliotek

In einer politisch und konfessionell sehr schwierigen Situation in Paderborn gelangte in Jahre 1585, nachdem der dem Protestantismus zugeneigte Administrator des Fürstbistums Heinrich von Sachsen-Lauenburg plötzlich noch relativ jung gestorben war, der durch und durch katholische Paderborner Dompropst Dietrich von Fürstenberg in die fürstbischöfliche Würde. Große Teile der Bevölkerung waren zum Protestantismus übergetreten, besonders in der Hauptstadt war die Situation in den Augen des Fürsten äußerst bedenklich. Bereits 1580 hatte er dafür gesorgt, daß Jesuiten nach Paderborn kamen, um die Rekatholisierung des Bistums zu berwerkstelligen. Die Gründung des Jesuitenkollegs, die Übernahme des Gymnasiums durch die Jesuiten und die Einrichtung der ersten Universität im westfälischen Raum in Trägerschaft der Jesuiten durch Dietrich von Fürstenberg machen deutlich, daß der Fürstbischof sein Bistum ausgerüsten wollte mit den Waffen des Geistes, um auf diese Weise im Kampf um die rechte Religion bestehen zu können. In diesem Kampf maß er dem gedruckten Wort besondere Bedeutung zu. Er stattete seine Gründung nicht nur mit einer umfangreichen Bibliothek aus, die er zum Teil aus den eigenen Buchbeständen bestückte und die von der lateinischen Form seines Vornamens (Dietrich = Theodor) ihren Namen Bibliotheca Theodoriana hatte, sondern holte auch den ersten Paderborner Buchdrucker Matthäus Pontanus nach Paderborn, den er mit großzügigen Privilegien ausstattete. Diese Bibliothek der Jesuitenuniversität wurde in den folgenden zweihundert Jahren ständig ausgebaut. Insbesondere ist auch der Großneffe ihres Gründers, Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg (1661-1683) als großzügiger Förderer zu nennen, der als einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit eine hervorragende Bibliothek besaß, die er nach seinen Tode dem Jesuitenkolleg vermachte.

Als der Jesuitenorden im Jahre 1773 aufgehoben wurde, gingen Universität und Bibliothek in die Trägerschaft des Fürstbischofs über, der beide Institutionen in der gleichen Weise und mit denselben Leuten weiterführte. Einschneidender für die Bibliothek war die Säkularisation ab 1802/03, als die preußische Regierung Gymnasium wie Universität in die Hand nahm. Die Bibliothek wurde als Auffangstelle für die "noch brauchbaren" Bücher aus den aufgehobenen Klöstern des Paderborner Landes bestimmt, nachdem bereits wertvolle Teile dieser Klosterbibliotheken in die Paulinische Bibliothek nach Münster verbracht worden waren.

Die Paderborner Universität wurde formell zugunsten der Neugründung Bonn aufgehoben, jedoch vom Bischof als Philosophisch-Theologische Akademie zur Priesterausbildung weitergeführt, das Gymnasium blieb als Staatliches Gymnasium bestehen. Die Bibliothek wurde von beiden Institutionen genutzt. Nach Beendigung des Kulturkampfes erhielt die Akademie eine eigene, nämlich die Akademische Bibliothek, die sich in der Folgezeit als vitaler und lebensfähiger erwies als die Theodoriana. Als 1912/13 die neuen Gebäude der Akademischen Bibliothek als Anbau an das Leokonvikt fertig waren, wurde der theologische und philosophische Bestand der Theodoriana übernommen, der Rest blieb im Gymnasium, wo er 1945 vernichtet wurde. Auch der Teil der Theodoriana, der in der Akademischen Bibliothek stand, wurde zur Hälfte vernichtet, jedoch konnten die Handschriften und Inkunabeln bis auf wenige Einzelstücke gerettet werden.

Entsprechend der doppelten Funktion der Jesuiten in Paderborn in der ersten Zeit, nämlich einerseits den Schul- und Universitätsbetrieb zu gewährleisten und andererseits kontrovers für die katholische Sache zu kämpfen, war der Charakter der Bibliothek recht komplex. Notwendig war ein großer Bestand an Lehr- und Unterrichtsbüchern, Texten der Klassiker und Kirchenväter, Bibeln und schließlich auch juristischen Werken. Für die geistliche Bildung der Patres und Zöglinge gab es eine große Menge von spirituellen Werken. Solche Bücher waren sehr langlebig, auch alte Ausgaben, sogar Handschriften konnten noch von gutem Nutzen sein und wurden auch entsprechend gekauft, jedoch dürfte auf diese Art der Erwerbung der geringste Teil der Inkunabeln in die Jesuitenbibliothek gelangt sein. Natürlich versuchten die Jesuiten auch für Studium und Unterricht möglichst "Moderne" Bücher zu bekommen. Die andere Seite der Bibliothek wird repräsentiert durch die Fülle von tagesaktueller kontroverstheologischer Literatur, die wichtig für die politische und konfessionelle Auseinandersetzung, jedoch auch sehr schnell überholt und vergessen war. Für den Inkunabelbestand ist diese Art von Literatur von keinerlei Relevanz.

1.11 - 1.13 Die Legate von Privatpersonen an die Jesuiten

Neben den Büchervermächtnissen der beiden Fürstbischöfe Dietrich und Ferdinand von Fürstenberg an die Jesuiten, in denen jedoch kaum nennenswert Inkunabeln enthalten waren (aus Dietrichs Schenkungen läßt sich heute keine Inkunabel mehr feststellen , aus denen Ferdinands sind noch fünf Titel greifbar, vorwiegend zum Militärwesen und die Kölnische Chronik) sind drei Privatpersonen zu nennen, die jeweils einen erheblichen Bestand an die Jesuitenbibliothek vermacht haben müssen. Es sind dies der Dombenefiziat Sebastian Schulte, dessen Legat 1598 an die damals noch junge Jesuitenbibliothek ging, Johannes Nicius, dessen Bibliothek im Jahre 1661 an die Jesuiten kam, und Johannes Fullerus (Füller), der im Jahre 1662 eine Reihe von Bücher an die Bibliothek gab. Über alle drei Schenkungsgeber, insbesondere über ihre Sammeltätigkeit, ist nur wenig bekannt.

1.11 Sebastian Schulte

Schulte, der aus Paderborn stammte, war am 6. November 1566 an der Kölner Universität immatrikuliert worden, später erhielt er ein Benfizium am Paderborner Dom. Woher seine vielen Bücher kamen, ist nicht mehr herauszufinden, jedenfalls sollen die Jesuiten über 400 Werke erhalten haben, von denen sich heute noch rund 110 in der Theodoriana befinden, darunter die rund 20 Titel aus der Inkunabelzeit. Die meisten dieser Bücher enthalten keinerlei Vermerke über etwaige Vorbesitzer, so daß angenommen werden darf, daß Schulte diese Werke für sich neu gekauft hatte. Die Jesuiten trugen in die Bände einen Standard-Schenkungsvermerk ein: "Ex donatione R.D. Sebastiani Schulten anno 1598", davor oder dahinter den neuen Besitzvermerk des Jesuitenkollegiums (wobei seltsamerweise die Schreibweise des Namens stark variiert: Schulte, Schulten, Schullten, Schollten usw.) Die Titel der Inkunabeln Schultes lassen ein breites Spektrum der theologischen Interessen erkennen: Spiritualität, Pastoral, Exegese, Predigten, Kirchenrecht und Geschichte waren vertreten. Obwohl diese Bücher teilweise schon über hundert Jahre alt waren, können sie inhaltlich für Schulte durchaus aktuell gewesen sein, obwohl gerade die typische langlebige Literatur wie etwa theologische Lehrbücher oder Klassiker- und Kirchenvätertexte nicht vertreten ist. Für die Jesuiten dürften Schultes Inkunabeln vermutlich keinen besonders hohen aktuellen Gebrauchwert gehabt haben, fanden jedoch die gebührende Beachtung, die auf die allgemeine Wertschätzung von Büchern an sich zurückzuführen ist. Der besondere Wert dieser Sammlung gerade für die Jesuiten war der relativ hohe Anteil von kontroverstheologischer Literatur aus den Jahren 1520 bis etwa 1570, kam doch diese Thematik den Aufgaben des Jesuitenordens im allgemeinen und denen der Jesuiten in Paderborn im besonderen sehr entgegen, zumal gerade die Paderborner Jesuiten ja erst 1580 gekommen waren und zum Zeitpunkt der Schenkung 1598 besonders diese ältere, aber nicht minder wichtige Literatur in der Auseinandersetzung mit den Protestanten noch nicht besessen haben dürften. Aus dieser Zeit des 16. Jahrhundert haben sich von den 400 Werken, die Schulte geschenkt hat, fast ausschließlich die kontroverstheologischen (ca 70 Titel von rund 90) erhalten.

1.12 Johannes Nicius

Über den zweiten größeren Nachlaßbestand aus Privathand wissen wir etwas mehr. Der Sammler, Johannes Nicius, Doktor der Theologie und Doktor beider Rechte, war zunächst Jesuit und Professor für Philosophie in Paderborn. In dieser Funktion präsidierte er 1620 einer Promotion, 1628-1631 wird er in den Personalkatalogen des Collegiums genannt. Um 1645 verließ er den Jesuitenorden aus Gründen, die nicht mehr zu eruieren sind - offensichtlich jedoch in beiderseitigem Einvernehmen -, und wurde Dechant von St. Peter in Höxter, wo er seit 1648 bezeugt ist. Am 8. März 1661 starb er und vermachte dem Jesuitenkolleg sein ganzes Vermögen, darunter auch eine Reihe von Büchern. Wie groß die Sammlung gewesen ist, kann nicht mehr festgestellt werden, dürfte jedoch bei einem geistig interessierten und intellektuell hochstehenden Dechanten nicht unerheblich gewesen sein. Zu seinem Bestand gehörten rund zehn Inkunabeltitel, die heute noch erhalten sind. Es handelt sich ausschließlich um allgemeintheologische und kirchenrechtliche Werke. Vermutlich ist über Nicius auch der Dekretalenkommentar des Nikolaus de Tudeschis zu den Jesuiten gekommen, den im Jahre 1494 ein Kanoniker an St. Peter in Höxter, Reymbertus Rymbar, "zum allgemeinen Studium" der dortigen Kirche geschenkt hatte. Von den Büchern aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die Nicius sicher auch zahlreich besaß, ist so gut wie nichts erhalten geblieben, lediglich aus einem Schenkungsvermerk geht hervor, daß Nicius auch schon zu Lebzeiten (1652) Bücher an die Jesuiten abgegeben hatte.

1.13 Johannes Fullerus (Füller)

Zu dem dritten Erblasser zugunsten der Jesuiten, Johannes Fullerus, konnten selbst die fundamentalen biographischen Daten nicht ermittelt werden. Die Paderborner Familie Fullerus (Füller) ist seit Mitte des 16. Jahrhunderts bezeugt, als erster ein Johannes Fullerus als Sekretär des Paderborner Domkapitels um 1585. Er hatte mehrere Kinder, u.a. auch einen Sohn Johannes, der gegen seinen Willen Jesuit geworden war, nachdem er ab 1582 in Köln sein Studium absolviert hatte. Dieser jedoch dürfte schwerlich unser Johannes sein, zumal die Schenkung erst 1662 zu den Jesuiten gelangte. Wahrscheinlicher ist, daß ein anderer Sohn des Kapitelssekretärs, Christian, der Vater des Schenkungsgebers ist, zumal Christian im Testament seines Vaters von 1592 auch als Erbe der eigens genannten Bücher eingesetzt wird. Ob in dem Legat von 1662 an die Jesuiten auch Teile dieser Familienbibliothek des Großvaters enthalten waren, darüber kann anhand der sehr spärlichen Fakten und nicht einmal gesicherten familiären Beziehungen nur spekuliert werden. Allerdings spricht die thematische Zusammensetzung der Inkunabeln eher dafür. Es sind bis auf die Kirchengeschichte des Eusebius ausschließlich Werke aus dem kirchlichen und weltlichen Recht, vom Corpus iuris civilis gleich zwei Exemplare, also alles Titel, die zu einem Sekretär eines Domkapitels sehr gut passen.

1.2 Das Säkularisationsgut

Im Jahre 1802 war im Reichsdeputationshauptschluß festgelegt wurden, daß die größeren deutschen Staaten für die an Frankreich verlorenen linksrheinischen Gebiete vor allem mit den geistlichen Territorien entschädigt werden sollten. Die Klöster und Stifte in diesen Ländern wurden aufgehoben und das Vermögen von den neuen Besitzern eingezogen. Die Bibliotheken schienen dabei eher lästige denn willkommene Bereicherungen. Sie wurden zwar in der Regel inventarisiert, blieben aber zum Teil noch lange in den verwaisten Klöstern und vermoderten oder wurden geplündert. So blieb etwa von den Bibliotheksbeständen der Zisterzienser in Hardehausen oder der Benediktiner in Marienmünster kaum etwas übrig. Von der wohl bedeutendsten Klosterbibliothek des Paderborner Landes, der Augustiner-Chorherren-Bibliothek in Böddeken wurden nur beschämend geringe Reste gerettet. Demgegenüber ist das Schicksal der Bibliothek des Benediktinerklosters Abdinghof in Paderborn noch als glücklich einzuschätzen, von welcher der nach verschiedenen Durchmusterungsaktionen übrig gebliebene Rest in das Universitätshaus kam, nachdem die Bibliotheksräume des Klosters selbst für die Unterbringung von Militär eingerichtet werden sollten. Auch die Bibliotheken der Bettelorden blieben nicht unangetastet, obwohl die Preußen und die napoleonische Administration kein sonderlich großes Interesse an deren Aufhebung hatten, weil dort nicht die Werte vermutet wurden, die aus den alten fundierten Klöstern zu ziehen waren. In der Tat hatten im Paderborner Land auch die Bibliotheken der Franziskaner, Kapuziner, Dominikaner eine andere Qualität als die der Benediktiner und Augustiner-Chorherren. Sie hatten keine großartigen Handschriften aufzuweisen, auch waren die Bücher selbst schmuckloser, eben Gebrauchsbücher für Studium und Seelsorge - mit einigen wenigen Ausnahmen.

Aus den Klöstern des Paderborner Landes gelangten im Zuge der Säkularisation auch bedeutende Inkunabelbestände in die Bibliothek des Universitätshauses (Theodoriana). Insbesondere sind hier die Provenienzen Abdinghof, Böddeken und die Paderborner Kapuziner zu nennen.

1.21 Kloster Abdinghof Paderborn

Das Benediktinerkloster Abdinghof wurde im Jahre 1015 von dem Paderborner Bischof Meinwerk als Tochter von Cluny innerhalb der Mauern Paderborns gegründet und entwickelte sich schnell zu einer Pflegestätte mittelalterlicher Kunst und Literatur. Hier entstanden die Lebensbeschreibung des Klostergründers Meinwerk und die Annales Patherbrunnenses. Eine Büchersammlung dürfte von Anfang an da gewesen sein, wird zu Beginn des 12. Jahrhunderts auch bezeugt, allerdings taucht der Begriff Bibliothek erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf als Ergänzung zu einem Besitzvermerk "Anno Domini 1512 ad bibliothecam communem repositus est".

Berühmt sind für die Zeit des Hochmittelalters die Evangeliare, die heute in Kassel, Berlin und Trier zu finden sind. Das Spätmittelalter brachte viele Klöster sowohl geistlich wie auch wirtschaftlich an den Rand des Ruins, über die Bibliotheken erfahren wir aus dieser Zeit nichts. So auch beim Kloster Abdinghof. Erst als unter dem Reformabt Heinrich von Peine 1477 der Beitritt zu Bursfelder Kongregation erfolgte, war eine spürbare Belebung des klösterlichen Lebens zu merken. Auch wenn schriftliche Quellen weitgehend fehlen, können wir für das Buch- und Bibliothekswesen im Kloster eine seit dem Hochmittelalter einzigartige Blüte konstatieren: Im Jahr 1506 etwa entstand das bekannte Abdinghofer Graduale, eine reich illuminierte spätgotische Pergamenthandschrift (heute in der EAB), die komplett im Kloster hergestellt worden war, d.h. geschrieben, ausgemalt und gebunden. Um 1500 läßt sich auch eine klostereigene Buchbinderwerkstatt feststellen, in der auch viele Inkunabeln ihren Einband erhielten. Auch wurden in dieser Zeit sehr viele Bücher gekauft. Das belegen die datierten Besitzvermerke, die daneben noch eine andere Tatsache offenbaren, daß nämlich die Bibliothek in der damaligen Zeit eine hohe Aktualität besaß: Zwischen dem Erscheinen des Buches und dem Ankauf durch das Kloster vergingen oft nur ein bis zwei Jahre. All diese Hinweise bezeugen eine vermutlich sehr beeindruckende Bibliothek, die hinter den größeren Klosterbibliotheken kaum zurückgestanden haben dürfte. Noch heute ist eine große Anzahl von Inkunabeln mit Abdinghofer Besitzvermerk vorhanden. Die Säkularisationsakten aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts sprechen von 289 Werken, die in die Theodoriana übernommen worden seien, heute nachgezählt ergeben sich 265 Titel, die größte Einzelprovenienz im Inkunabelbestand der EAB. Den Bestand inhaltlich zu analysieren, ginge über den Rahmen dieser Übersicht hinaus. Es handelt sich jedoch wohl um den Teilbestand einer ansonsten gut ausgebauten typischen benediktinischen Klosterbibliothek der Zeit, wie der Überblick über eine grobe Differenzierung nach Disziplinen zeigt: Neben den üblichen theologischen Werken (Bibel- und Kirchenväterexegese, Sentenzenkommentare und scholastische Theologie, Predigten und liturgische Werke, Meditationen und geistliches Leben) und der kirchenrechtlichen Literatur waren vor allem auch viele antike nichtchristliche Klassiker vertreten sowie eine Reihe von "naturwissenschaftlichen" (Johannes de Sacro-Bosco) und "historischen" (Fasciculus temporum) Werken und Reisebeschreibungen vorhanden. Um zu einer aussagefähigen Analyse zu kommen und vom Buchbestand her Rückschlüsse auf das geistige Leben im Kloster ziehen zu können, müßten natürlich auch die Postinkunabeln berücksichtigt werden, da gerade im Abdinghofkloster die Zeit um 1500 herum bis weit ins 16. Jahrhundert hinein sich als kulturelle Einheit darstellt, die erst der konfessionelle Gegensatz in der Stadt stört und ans Ende bringt. Unter Abt Leonhard Ruben (1598-1609) gewinnt die Bibliothek noch einmal an Gewicht, es kommen in den elf Jahren seines Abbatiats fast tausend Werke neu in die Bibliothek. Danach erfahren wir nicht mehr viel von der Bibliothek, auch Kataloge existieren aus keiner Zeit der Bibliotheksgeschichte. Lediglich nach der Aufhebung des Klosters in der Säkularisation 1803 wurden die vorhandenen Bücher katalogisiert. Eine Akte im Staatsarchiv Münster führt diesen Katalog auch im Inhaltsverzeichnis auf, die entsprechenden 61 Blätter fehlen jedoch in der Akte selbst, so daß wir über den Gesamtbestand der Bibliothek nichts Näheres aussagen können, lediglich eine Liste von "Dubletten", die aussortiert wurden, als die Abdinghofer Bücher in die Theodoriana eingearbeitet wurden und die auch 59 Inkunabeln enthält, ist in den Akten in Münster noch zu finden.

1.211 Wulfhardus Swalen

Kurz vor dem Jahr 1500 gelangte ein größerer Bestand von Inkunabeln an das Abdinghofkloster, die einen Kauf- oder Besitzvermerk eines "Wulffhardus" enthalten. Es handelt sich insgesamt um 16 Werke, die in den Jahren 1478 bis 1495 gekauft wurden. Lediglich in einem Eintrag nennt sich Wulfhardus mit seinem Familiennamen Swalen, aus anderen Einträgen geht hervor, daß er Priester und Dombenefiziat war. Über Geburts- und Sterbejahr wissen wir nichts. Jedoch hat er in eine seiner Inkunabeln Eintragungen über Ereignisse der Vergangenheiut gemacht, deren Wortlaut vermuten lassen, daß er diese Ereignisse bewußt erlebt hat. Es handelt sich um eine Pestepidemie in Paderborn im Jahr 1439 und um die Soester Fehde 1447. In eine seiner Inkunabeln hat er handschriftlich zwei Predigten eingeschrieben, die er 1498 wohl im Paderborner Dom gehalten hat. Mehr wissen wir von ihm nicht.

Interessant ist jedoch die inhaltliche Seite der von ihm gekauften Inkunabeln. Aus seinem Besitz stammen einige der markantesten Stücke des Inkunabelbestandes der EAB überhaupt. So finden wir etwa von Breidenbach die "Peregrinatio in terram sanctam", von Mandeville das "Itinerarium", das "Directorium humanae vitae" von Johannes von Capua, den Hexenhammer von Institoris und Sprenger sowie von Marco Polo "De consuetitudinibus et conditionibus orientalium regionum". Die eigentlich für einen Priester zu erwaretenden theologischen Titel nehmen sich demgegenüber spärlich aus, es handelt sich hier besonders um biblische Werke, Predigten und Kirchenrecht. Aus diesem Buchbesitz läßt sich schon auf eine recht markante Persönlichkeit mit sehr breitgestreuten auch weltlichen Interessen schließen, allerdings auch mit einer gewissen Frömmigkeit, die sich in der Bitte um ein Gebet für sein Seelenheil, die in fast jedem seiner Werke auftaucht, dokumentiert: "Quicumque utitur eo post wulfhardum supradictum oret propitium deum pro eo unum de profundis." Leider war außerhalb seiner Bücher keinerlei Quellenmaterial zu finden, das weiteren biographischen Aufschluß geben könnte.

1.22 Kloster Böddeken

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts werden in Westfalen die Augiustinerchorherren tätig mit der Übernahme des völlig verwahrlosten und verlassenen Frauenstifts in Böddeken im Jahre 1409. Als geistesgeschichtlicher Hintergrund für das Wirken der Chorherren müssen die Impulse Gerhard Grotes genannt werden, die er für das Entstehen einer neuen Frömmigkeit und Innerlichkeit gab (devotio moderna) und die auch für die Windesheimer Reformkongregation der Augustinerchorherrenklöster ausschlaggebend waren. Auch Böddeken schloß sich dieser Bewegung an und wurde in den folgenden Jahren im norddeutschen Raum und weit darüber hinaus das bedeutendste Reformkloster, von wo aus die Gründung oder Reform von rund 40 Klöstern geschah bis etwa ins Elsaß oder nach Basel.

Die Bibliothek, für die Böddeken berühmt werden sollte, mußte völlig neu aufgebaut werden. Sehr viele Bücher wurden im Kloster selbst geschrieben, einige wurden angekauft. Es wurden sogar Bücher über den eigenen Bedarf hinaus produziert, zwei Schreiben waren ständig damit beschäftigt, Bücher für den Verkauf zu schreiben. Die Handschriftenbestände sind von Wolfgang Öser eingehend untersucht worden. Er stellte eine umfangreiche Gruppe von Erbauungsschriften fest, die die Verwurzelung des Konvents in der Tradition der Devotio moderna bezeugen. Vertreten waren neben Gerhard Grote auch Bernhard von Clairvaux, Bonaventura, Hugo von Fouilloi, Johannes Gerson und andere. Von den frühen christlichen Schriftstellern nehmen verständlicherweise die Werke des Augustinus einen besonderen Raum ein, alle anderen Kirchenväter erscheinen dagegen unbedeutend. Zu Studienzwecken gab es Werke von Petrus Lombardus, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, weiternhin natürlich auch Bibeln mit Kommentaren, liturgische und sakrale Texte, Handreichungen und Instruktionen sowie Werke aus dem Kirchenrecht. Besonders zu nennen ist die Sammeltätigkeit auf den Gebiet der Hagiographie, die zu dem berühmten Magnum Legendarium führte, das später die Bollandisten für ihre Acta sanctorum auswerteten. Die Ausstattung der in Böddeken hergestellten Bücher, insbesondere die Buchmalerei war von hoher Qualität. In der EAB befindet sich ein großer Pergamentfoliant, der 1472 geschrieben wurde, mit einer großartigen Miniatur, auf der der heiligen Augustinusdargestellt ist, selbst in einem gedruckten Psalmenkommentar des Petrus Lombardus von 1478 ist noch eine wunderschöne Initiale zu finden, mit dem Harfe spielenden König David. Offenbar wurden auch lange Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks also im Kloster sowohl noch Bücher geschrieben als auch die gedruckten so ausgestattet, als wären sie handgeschrieben. In der ersten Zeit des Buchdrucks änderte sich das Gesicht der Bibliothek kaum wesentlich. Das zeigen auch die noch vorhandenen Inkunabeln aus Böddeken. Überwiegend läßt sich von diesem Bestand von 21 Bänden auch das feststellen, was Oeser bereits für den Handschriftenbestand analysiert hatte.

In diesem 15. Jahrhundert der Handschriften und Inkunabeln hatte die Bibliothek auch gleichzeitig ihren Höhepunkt erreicht. Aus späteren Jahrhunderten liegen nur äußerst spärliche Nachrichten vor. Ihre Qualität muß sich jedoch wohl weitgehend erhalten haben, wie die Benutzung durch die Bollandisten belegt. Lobend erwähnen 1718 auch die beiden Benediktiner aus Paris (Mauriner) die Böddeker Büchersammlung. Sie sei an Manuskripten eine der reichsten des Landes. 1803 ereilte auch diese reichhaltige Bibliothek das Schicklsal der Zerstörung. Die neuen preußischen Herren zeigten mehr Interesse an den materiellen als an den geistigen Werten. Viele Handschriften und Drucke gingen in Böddeken verloren oder wurden entwendet, einige kamen nach Münster in die Paulinische Bibliothek. Der Paderborner Domherr Ignaz Theodor Liborius Meyer wurde 1817 (also fast 15 Jahre nach Aufhebung des Klosters!) mit der Untersuchung der in Böddeken noch vorhandenen Bücherbestände beauftragt. Durch ihn sind die in der EAB heute noch vorhandenen Bestände nach Paderborn in die Theodoriana gelangt. Letzte Reste tauchten 1823 in Münster noch einmal auf einer öffentliochen Versteigerung auf, der größte Teil der Handschriften in der Universitätsbibliothek Münster wurde 1945 bei einem Bombenangriff vernichtet.

1.23 Kapuzinerkloster Paderborn

Die Kapuziner kamen erst relativ spät nach Paderborn. Sie wurden hauptsächlich vom Domdechant Arnold von der Horst, der sie in Rom kennen und schätzen gelernt hatte, im Jahre 1612 hierhin berufen. Er kaufte ihnen auch den sogenannten Stadelhof und errichtete 1613/14 für sie Kirche und Kloster, die jedoch 1616 bei dem großen Brand bereits wieder bis auf die Grundmauern niederbrannten. Auch die neu errichteten Gebäude mitsamt der Kirche wurden rund sechzig Jahre später noch einmal wegen Baufälligkeit abgerissen und wieder aufgebaut. 1811 wurde das Kloster von der napoleonischen Verwaltung aufgehoben, die Patres durften aber im Kloster bleiben. Das endgültige Ende kam 1834. Die Verwendung der Klostergüter sollte kirchlichen Zwecken dienen, und so wurde 1846 ein sogenanntes Knabenseminar eingerichtet, das bis 19.. existierte. Heute ist im alten Kapuzinerkloster das Liborianum, eine Bildungsstätte des Erzbistums Paderborn untergebracht.

Auch die Kapuziner besaßen natürlich von Anfang eine Bibliothek, die sich jedoch sowohl inhaltlich wie auch von der Ausstattung der Bücher her von den Bibliotheken der Benediktiner und der Augustinerchorherren unterschied. Als Bettelorden legten die Kapuziner nicht so sehr Wert auf eine kostbare Aufmachung der Bücher, sie sollten lediglich Gebrauchsbücher sein und keinerlei repräsentative Funktion haben. Die Bücher, die man selbst kaufte, bekamen einen einfachen und schlichten Einband, Geschenke oder Nachlässe nahm man so, wie sie waren, in die Bibliothek. Den Grundstock der Paderborner Kapuzinerbibliothek dürfte eine Schenkung des Jodocus Candidus von 1614/1616 gebildet haben.

Der Inkunabelbesitz jedenfalls ist wohl fast ausschließlich auf Schenkungen zurückzuführen. In der einen Hälfte der noch erhaltenen gut dreißig Inkunabeln sind noch Vorbesitzervermerke zu finden, auch die anderen sind zum Teil nicht gezielt von den Kapuzinern angekauft worden, was Ausstattung und Einband vermuten lassen. Zum Beispiel finden sich im Kapuzinerbestand die Briefe des heiligen Hieronymus mit einem großartigen Lederschnitteinband und mehreren sehr kunstvoll gestalteten Initialen. Auch die Glossa magistralis in Psalmos des Petrus Lombardus mit der König-David-Miniatur und einem im Kloster Böddeken um 1500 entstandenen Einband war in den Besitz der Kapuziner gelangt. Für eine geschenkweise Erwerbungsart spricht auch die inhaltliche Ausrichtung der heute noch vorhandenen Inkunabeln,die keine besondere Ausprägung in eine fachliche Richtung hinein erkennen lassen. Es ist fast alles vertreten, natürlich überwiegend Theologie in ihrer ganzen Breite, daneben viel weltliches Recht und einige Klassikertexte (Cicero). Genaueren Aufschluß über die gesamten Inkunabelbestände könnte eine Analyse des Katalogs der Bibliothek ergeben, der im Archiv der Rheinischen Kapuzinerprovinz in Ehrenbreitstein liegt. Eine Liste von Bücher, die "aus der Capuc-Bibl. gewählt" wurden, vermutlich zur Einstellung in die Theodoriana, enthält auch 14 Inkunabeln, von denen jedoch nur drei heute noch eindeutig zu identifizieren sind, darunter auch die oben schon genannten Briefe des Hieronymus mit dem Lederschnitt. Insgesamt ist der Erhaltungszustand der Bettelordensbibliotheken besonders schlecht. Zu vermuten ist, daß auch von den Kapuziner-Büchern nur die wertvolleren erhalten geblieben sind, wie man am vorhandenen Bestand in der Theodoriana noch nachvollziehen kann. Das sind aber sicher nicht die für eine Kapuzinerbibliothek typischen Werke. Diese sind in der Regel verschwunden und nach der endgültigen Aufhebung 1834 erst gar nicht mit in die Theodoriana überführt worden. Einige wenige Bände sind auch noch im Kloster verblieben und in den Besitz des Knabenseminars übergegangen, darunter auch zwei Inkunabeln, die sich heute ebenfalls in der EAB befinden.

1.231 Jodocus Candidus

Über diesen Wohltäter des Kapuzinerklosters in Paderborn wissen wir nichts weiteres als daß er "vicarius Paderbornensis ecclesiae" und "benefitiatus summi templi", also Dombenefiziat gewesen ist. Seine Bücher bildeten, wie oben bereits erwähnt, vermutlich den Grundstock der Kapuzinerbibliothek. Aus den Eintragungen läßt sich nicht ersehen, ob dies eine Schenkung oder eine Erbschaft war. Der erste Teil seiner Bücher kam am 4. August 1614 zu den Kapuzinern, zu einer Zeit, als das Kloster noch im Bau war, der zweite Teil kam 1616. Heute sind von diesen Werken noch acht Inkunabeln und 15 spätere Titel vorhanden, die überwiegend kontroverstheologisch waren, während die Inkunabeln neben den zu erwartenden theologischen Interessen auch eine gewisse Neigung zu Cicerotexten offenbaren. Candidus verschenkte offensichtlich gerne Bücher: Bereits 1612 gab er die Sermones discipuli des Johannes Herolt an einen Johannes Fryley ab, von dort ging das Buch später in die Jesuitenbibliothek.

1.2311 Heinrich Occator

Aus dem Besitz von Heinrich Occator hat Jodocus Candidus wohl eine Reihe von Büchern übernommen. Wann und unter welchen Umständen dies geschah, ist aus den Eintragungen nicht zu ersehen, auch über den Besitzer Occator ist weiter nichts bekannt. Vier Inkunabeln aus seinem ehemaligen Besitz haben sich erhalten, darunter auch die Cicerotexte. Ein Buch hat noch einen weiteren Vorbesitzer, der sich "Henricus Brakelman presbiter" nennt.

 

2. Die Provenienzen der Inc...-Gruppe

2.1 Altbestand EAB

Die Inkunabeln der Theoriana (I...-Gruppe) waren bereits im 19. Jahrhundert gesondert aufgestellt worden. Die damals noch nebenamtlichen Bibliothekare Franz-Josef Brand (1790-1869) und Franz Hülsenbeck (1829-1887) sowie der bis in die 30er Jahre hinein tätige Ludwig Steinhauer (1853-1933) hatten sich dem Inkunabelbestand der Theodoriana besonders gewidmet. Die Bestände der EAB jedoch, die seit dem Ende des Kulturkampfes ab 1887 aufgebaut wurden, hatten im Laufe der Zeit auch eine erhebliche Anzahl von Inkunabeln aufgenommen, die in den laufenden Bestand eingereiht wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Klemens Honselmann, der seit 1942 an der EAB arbeitete und ab 1948 deren Direktor war, die Inkunabeln aus dem "normalen" Bestand herauszuziehen und unter einer eigenen Signaturengruppe, die er zur Unterscheidung von der Inkunabelgruppe der Theodoriana mit Inc... bezeichnete, aufzustellen. Wie aus der Entstehungsgeschichte dieses Bestandes zu entnehmen ist, haben wir hier eine sehr große Zahl verschiedener Provenienzen vor uns. Die Herkunft einiger Bände ist überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, nicht einmal der letzte Vorbesitzer ist zu ermitteln, da die Inventare der Bibliothek im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurden. Sehr viele Bände enthalten Besitzvermerke, die überhaupt nur ein- oder zweimal auftauchen, andere erscheinen auch in den Inkunabeln der Theodoriana wie etwa Böddeken oder Abdinghof, Bücher, die ihren Weg aus den säkularisierten Klöstern nicht direkt in die Theodoriana genommen haben, sondern in Privatbesitz gelangt und so in die EAB gekommen sind, daher zwar sachlich und inhaltlich, nicht aber bestandsgeschichtlich in die Theodoriana gehören. Auf diese breit gestreuten Provenienzen kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden, sie sind in den entsprechenden Registern zum Katalog erfaßt und können bei Bedarf dort eingesehen werden.

Es gibt jedoch auch innerhalb dieser Gruppe einige größere Bestandsteile, die jeweils gemeinsame Provenienzen haben, bzw. als geschlossene Deposita in die EAB gekommen sind. Hierbei handelt es sich um Inkunabeln aus der Propsteipfarrei Werl, und aus den alten Pfarrbibliotheken von Brakel, Höxter (St. Nicolai) und Corvey, außerdem um die vom Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn, gesammelten Inkunabeln. Die jeweiligen Besitzverhältnisse, die bei diesem Bestand ja nicht schon aus der Signatur zu erkennen sind, wurden durch ein eigenes von Klemens Honselmann angelegtes Inventar festgehalten und dokumentiert. Die ab 1990 aufgenommenen Deposita werden als Sondergruppen (siehe unter Punkt 3) aufgenommen.

2.2 Integrierte Deposita

2.21 Werl/Wedinghausen (wurden 1999 nach Werl zurückgegeben)

Ein bereits Anfang der dreißiger Jahre übernommenes kleines Depositum mit nur wenigen Inkunabeln stammt aus der Propsteigemeinde St. Walburga in Werl (Westfalen). Das Prämonstratenserkloster Wedinghausen in der Nähe von Arnsberg (bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ins Stadtgebiet einbezogen) verwaltete auch die Pfarreien Arnsberg, Hüsten und Werl. Die Pfarrer waren Wedinghauser Patres und hatten für ihre Arbeit auch die notwendigen Bücher zur Verfügung. Der Besitzvermerk lautet dementsprechend: "Bibliotheca Wedinghausano-Werlensis". In Werl blieben diese Bücher auch nach der Aufhebung des Klosters Wedinghausen im Besitz der Pfarrei. 1931 wurden 14 Bände der EAB übergeben, darunter vier Inkunabeln. Der Vorgang ist lediglich durch eine Titelliste in den Akten der Bibliothek dokumentiert.

2.22 Brakel

Die Pfarrei Brakel im Kreis Höxter ist wohl eine der wenigen, in denen eine eigene Pfarrbibliothek entstanden und bis heute erhalten ist mit zum Teil sehr alten Beständen. Der Grund dafür mag darin liegen, daß vom 14. Jahrhundert an bis zur Reformation die Pfarrstelle stets mit Paderborner Domherren besetzt war und der Archidiakonatssitz von der Iburg bei Bad Driburg nach Brakel verlegt wurde. Brakel wurde in der Reformation protestantisch, kehrte aber wieder zum katholischen Glauben zurück, nachdem 1665 die Kapuziner eingezogen waren. In der Bibliothek haben sich rund 750 Bände erhalten, darunter neun Inkunabeln und etwa 20 Bände aus dem 16. Jahrhundert. Laut Vertrag vom Oktober 1931 wurden zunächst die Inkunabeln und einige der Werke aus dem 16. Jahrhundert in die EAB übernommen, die übrigen Bücher kamen Anfang der fünfziger Jahre nach. In den Inkunabeln lautet der Besitzvermerk immer gleich: "Hic liber spectat ad pastoratum brakulensem". Eintragungen von etwaigen Vorbesitzern sind nicht vorhanden. Demnach stammen die Bücher also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aus dem Kapuzinerkloster, sondern es handelt sich in der Tat um eine echte Pfarrbibliothek. Auch thematisch passen alle Werke in eine Bibliothek, die dem Pfarrer zur Hand sein sollte für Seelsorge und Studium. Es handelt sich bei den Inkunabeln überwiegend um Bibeln, zum Teil mit Kommentaren, und um Predigtliteratur.

2.23 Höxter

Die Stadt Höxter lag auf dem Gebiet der ehemaligen Reichsabtei Corvey, mit der die Kirchen Höxters von Anfang an verbunden waren. Die Nikolauskirche wurde in der Reformation vorübergehend protestantisch, kehrte aber 1661 zum katholischen Glauben zurück. 1674 wurde sie als Pfarrkirche an das St. Petri-Stift übergeben, 1780 wurde das Kollegiatstift aufgehoben, dafür durfte der Pfarrer der Nikolai-Pfarrei nun den Titel "Pfarrdechant" führen. Die enge Verbindung zur Benediktinerabtei Corvey bedingte auch einen ständigen Austausch von Büchern, so daß heute kaum noch eine genaue Trennungslinie gezogen werden kann zwischen der Dechaneibibliothek Höxter und der Klosterbibliothek Corvey. Zu vermuten ist, daß die meisten Bücher der Dechaneibibliothek aus dem nahen Corvey stammen, auch wenn nicht immer ein entsprechender Besitzvermerk zu finden ist. Eine große Anzahl von Büchern kam nach der Aufhebung des Klosters nach Höxter, wo jetzt zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine beachtliche Bibliothek entstand. Laut Vertrag vom 30. Juli 1931 übernahm die EAB eine Reihe von Handschriften, Inkunabeln und späteren Drucken. 1973 kamen auch die übrigen Bücher der Dechanei Höxter nach Paderborn. Von den heute in der EAB vorhandenen Inkunabeln tragen 27 einen Besitzvermerk der Dechaneibibliothek, sieben davon noch einen zusätzlichen Vermerk aus Corvey, drei dieser Bände stammen aus dem Benediktinerkloster Bursfelde an der Weser (darüber siehe unter Corvey).

2.24 Corvey

Die bedeutende Benediktiner-Abtei Corvey wurde im Jahre 822 im Osten des fränkischen Reiches zur Festigung und Ausbreitung des Christentums im Sachsenland gegründet. Die ersten Mönche kamen aus dem französischen Corbie. Für die Entwicklung der Bibliothek waren die ersten beiden Jahrhunderte gleichzeitig die bedeutendsten. Große Bücherschenkungen gingen an das Kloster wie etwa die des Hofkaplans Ludwigs des Frommen, Gerold, der eine "magnam copiam librorum" dem Kloster übereignete. Sehr früh wird auch bereits eine Klosterschule bezeugt, deren Leiter Angarius später die nördlichen Gebiete Deutschlands und Dänemark missionierte und als Erzbischof von Hamburg mehrfach aus Corvey Bücher anforderte. Die geistige Regsamkeit zeigt sich auch in der schriftstellerischen Tätigkeit der Mönche: Noch im 9. Jahrhundert schrieb der Mönch Agius die Vita der Gandersheimer Äbtissin Hathumod, am Anfang des 10. Jahrhunderts verfaßte der Abt Bovo II. einen Kommentar zu Boethius, schließlich entstand am Ende des 10. Jahrhunderts die Sachsengeschichte des Mönches Widukind. Danach gibt es für den Rest des Mittelalters kaum mehr irgendwelche Zeugnisse aus der Bibliothek, abgesehen von ganz vereinzelten Höhepunkten wie etwa zur Zeit des Abtes Wibald Mitte des 12. Jahrhunderts. Das späte Mittelalter verdient in Corvey in der Tat das Prädikat "dunkel". Dieses Dunkel dauerte auch noch in die Neuzeit hinein. Zäh wurde über die Aufnahmebedingungen in die Bursfelder Reformkongregfation verhandelt, was schließlich erst 1501 geschah. Durchsetzen konnte sich diese Reform jedoch erst mit den neuen Abt Franz von Ketteler, der aus dem vorbildlich reformierten Kloster Liesborn kam. In den meisten Klöstern bewirkte der Beitritt zur Bursfelder Kongregation auch eine Belebung des literarischen und geistigen Lebens, wie sich das etwa besonders deutlich im Abdinghofkloster in Paderborn darstellt, wo Bücher in großer Zahl und hoher Qualität gekauft, geschrieben, ausgemalt und eingebunden wurden (vgl. oben). Seltsamerweise ist in diese Richtung die Reform in Corvey überhaupt nicht vorangekommen. Der Reformgeist nahm Einzug in Kirche, Zelle und Ökonomie, aber er drang nicht in die Bibliothek ein, die zwar den auswärtigen Humanisten beim Auffinden antiker Klassiker (Tacitus-Handschrift) manche Sternstunde bescherte, vom Corveyer Konvent selbst jedoch kaum zur Kenntnis genommen wurde. Für das 16. Jahrhundert allerdings läßt sich eine für den heutigen Inkunabelbestand der EAB bedeutsame Aktion feststellen, nämlich die Überführung von Büchern aus dem Kloster Bursfelde nach Corvey. Bursfelde, die Wiege der historisch nicht zu überschätzenden Reformkongregation des Benediktinerordens im norddeutschen Bereich, der sich bis zu 180 Klöster anschlossen, war 1542 lutherisch geworden und wollte vermutlich den nach den Vorstellungen der Lutheraner überholten theologischen Ballst abwerfen, den ohnehin vermutlich kein Mensch mehr lesen konnte. Unter welchen Umständen und wann diese Überführung geschehen ist, kann nicht mehr festgestellt werden, auch über die Zahl der Bände gibt es keine Anhaltspunkte. Es muß allerdings schon eine größere Büchermenge gewesen sein, wie der heute noch vorhandene Rest vermuten läßt. Die wichtigsten Bücher waren neben den Inkunabeln die Handschriften, die heute in der EAB und in der Universitätsbibliothek Marburg liegen. Ein Rätsel bleibt bis heute ebenfalls, wie diese Bücher den Dreißigjährigen Krieg überstanden haben: 1632 wurde das Kloster von Freund und Feind gleich viermal so schwer heimgesucht, daß es nicht mehr bewohnbar war, der Abt mußte nach Höxter ziehen und dort eine Wohnung nehmen. 1634 plünderten ausgerechnet die kaiserlichen Truppen noch einmal das Kloster und raubten den gesamten Kirchenschatz. Auch die Bibliothek war schwer getroffen. So wird berichtet, daß einer der Soldaten seine Bücherbeute an einen Buchbinder in Höxter verkaufte, der das Pergament für Einbbände verwendete. Das Corveyer Archiv allerdings war nach Köln gerettet worden, vielleicht hatte man hier auch einige der wertvollsten Bücher hingeschafft. Völlig neu aufgebaut wurde dann die Bibliothek von Abt Maximilian von Horrich (1714-1721), der Bücher aus aller Welt anschaffte. Das Ende von Kloster und Bibliothek kam 1803. Ein Katalog von 1793 existiert heute noch in der Universitätsbibliothek Marburg. Sie erhielt auch einen großen Teil der Corveyer Handschriften und Inkunabeln. Etliche Bände kamen in die Dechaneibibliothek Höxter, der größere Rest blieb in Corvey und wurde in den Besitz der Pfarrei übernommen. 1975 wurde die Corveyer Pfarrbibliothek in die EAB übernommen. Allerdings waren bereits mit der Dechaneibibliothek Höxter zahlreiche Corveyer Bücher, darunter auch viele Inkunabeln in die Paderborner Bibliothek gelangt. So überschneiden sich die Provenienzen Bursfelde/Corvey/Höxter vielfach. Zu dieser Bestandsgruppe gehören 40 Inkunabeln, davon tragen 27 einen Höxterschen, 17 eine Corveyer und 7 einen Bursfelder Besitzvermerk (einschließlich der Überschneidungen), zwei Corveyer Inkunabeln waren bis 1692 in der Propstei Meppen, eine Bursfelder Inkunabel gelangte über die Paderborner Kapuziner in die Theodriana.

2.25 Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn

Der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens wurde 1824 vom Paderborner Domherrn Ignaz Theodor Liborius Meyer gegründet. Er ist damit einer der ältesten Geschichtsvereine Deutschlands. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts teilte er sich in die Abteilungen Paderborn und Münster, die jeweils auch ihre eigenen Sammlungen aufbauten. Die Paderborner Abteilung besitzt umfangreiche kulturgeschichtliche Sammlungen wie Archiv, Bibliothek, Gemälde, Münzen, die graphische Sammlung und die archäologische Sammlung (Museum). Die Gründung des Vereins fiel in eine Zeit, als sehr viel historisches Material auf dem Markt gehandelt wurde, manches brauchte man auch nur praktisch auf der Straße aufzulesen, nach dem sich herausstellte, daß nach der Säkularisierung der Klöster die neuen Besitzer mit dem sehr reichen historischen Material nicht fertig wurden. Das betraf vor allem bestimmte Gruppen der Archivalien und die Bibliotheken der alten Klöster. So haben wir heute die Überlieferung umfangreicher kulturhistorischer Materialien der Privatinitiative einzelner Menschen zu verdanken, die sich dafür in der konkreten geschichtlichen Situation in die Pflicht genommen fühlten. Ab 1911 fanden Verhandlungen des Vereins mit dem Paderborner Bischof statt wegen Unterbringung von Archiv und Bibliothek im Leokonvikt. Einen Vertrag darüber gibt es erst vom 25. März 1925, der die Überlassung des Archiv- und Bibliotheksbestände für die Akademische Bibliothek beinhaltet unter Wahrung des Eigentumsrechts. Der Vertrag wurde 1984 erneuert. Den Aufgaben des Vereins entsprechen wird für die Bibliothek laufend neue landesgeschichtliche Literatur angeschafft ebenso wie antiquarische. So fanden auch einige Inkunabeln ihren Weg in die Vereinsbibliothek. Es handelt sich um 14 Werke, von denen sechs einen konkreten Bezug zu Westfalen haben, etwa Drucke des Johann von Westfalen oder des Johann Bergmann von Olpe. Auch Ludolphus von Sudheim, der in der Nähe von Paderborn Pfarrer war, ist als Verfasser der Reise ins heilige Land vertreten, ebenso der Westfale Werner Rolevinck mit seinem Fasciculus temporum. Die übrigen Inkunabeln sind theologischen Inhalts und haben keine Bezüge zu Westfalen.

3. Die Sondergruppen

Als Sondergruppe sind die Inkunabelbestände zu verstehen, die laut Depositalvertrag gesondert aufgestellt werden sollen oder nur vorübergehend in die EAB aufgenommen sind, aber zu einem in kirchlicher Trägerschaft stehenden Institut innerhalb des Erzbistums Paderborn gehören. Auf zwei dieser Bestände soll etwas näher eingegangen werden.

3.1 Die Inkunabeln des Paderborner Franziskanerklosters

Zehn Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde in dem sehr stark mitgenommenen Paderborn, das damals nur noch rund 500 Einwohner gehabt haben soll, ein Franziskanerkloster gegründet, das auf ein Gelöbnis des Osnabrücker Fürstbischofs Franz Wilhelm Kardinal von Wartenberg zurückging. Der Paderborner Bischof Theodor Adolf von der Recke griff diesen Plan des Osnabrückers auf, der Paderborn als Ort der Gründung für günstig ansah. Dazu kam noch, daß gerade in den Jahre 1655/56 im Hochstift Paderborn "Besessene" auftraten, über deren seelsorgliche Behandlung es zwischen den Jesuiten und den Kapuzinern zu einem heftigen Streit kam. Diesem Zank ein Ende zu machen, berief der Fürstbischof bereits 1656 die ersten Franziskaner nach Paderborn. Der Bürger Hermann Georg Rickwin hinterließ ihnen ein großes Grundstück an der Westernstraße, wo in den Jahren 1658 bis etwa 1670 der Konventsbau entstand. Erste Aufgabe der Franziskaner war also die Seelsorge (bis heute ist die sogenannte "Paterskirche" bei der Bevölkerung noch sehr beliebt, u.a. als Beichtkirche). Daneben ergeben sich aus den Quellen aber sehr früh auch Hinweise, daß die Ausbildung der Patres ebenfalls im Kloster geschah, ja daß geradezu die Franziskanerlektoren die Professoren an der Universität durch ihre Lehre aneifern würden in den öffentlichen philosophischen und theologischen Dusputationen, wie Fürstbischof Ferdinand von Fürstenberg 1662 in einem Brief an den Papst darlegt. Von einem eigenen Bibliotheksbau ist 1697 erstmals die Rede im Zuge der ersten baulichen Erweiterung. Diese Bibliothek war hinter dem Chor der Kirche über der Sakristei gelegen. Das Kloster blieb auch schließlich während der Säkularisation erhalten, obwohl das Damoklesschwert lange Zeit über ihm schwebte. Dafür mußte es während des Kulturkampfes 1875 bis 1887 geschlossen werden. Danach blieben die Franziskaner der Stadt Paderborn erhalten.

Angesichts der Tatsache daß neben der Seelsorge sehr früh auch die Ausbildung der Patres im neuen Konvent erfolgte, ist es nicht verwunderlich, wenn bereits 1661 die ersten Schenkungsvermerke in den Inkunabeln des Klosters auftauchen. Auch aus anderen Eintragungen ergibt sich, daß die Franziskaner von Anfang an große Gönner hatten, die ihnen ihre Bücher vermachten. So hinterläßt etwa Johannes Wolffhorst sämtliche Bücher, die er selbst 1674 von dem Pastor in Körbecke, Engelbert Wolffhorst, geerbt hatte, den Franziskanern. Hat man bei Schenkungen kaum Einfluß auf das, was geschenkt wird, so läßt sich bei den Büchern, die vermutlich von den Franziskanern selbst angeschafft wurden, d.h. bei denen, die keinen Vorbesitzervermerk haben, sagen, daß sich dieser Bestandsaufbau im Inkunabelbereich an den beiden genannten Aufgaben orientierte, nämlich Seelsorge und Studium (diverse Sermones, verschiedene Summae theologiae usw.) Diese Inkunabeln haben sich im Kloster und im Besitz der Franziskaner bis heute erhalten. Sie wurden 1991 nach Abschluß eines Depositalvertrages in die EAB übernommen und unter der Signaturengruppe I/F... an den Inkunabelbestand angeschlossen.

3.2 Die Inkunabeln der Pfarrei Willebadessen

Die Pfarrei und der Ort Willebadessen waren von Anfang an mit dem im Jahre 1149 dort gegründeten Benediktinerinnenkloster eng verknüpft. Die Nonnen durften den Ort gar befestigen, gaben ihm die Stadtrechte und fungierten praktisch als Stadtherren mit allen kommunalen Rechten und Pflichten. Die Seelsorge im Ort und bei den Nonnen wurde in der Regel von den Benediktinermönchen aus Marienmünster besorgt. Ein verheerender Brand legte 1669 den größten Teil des Ortes in Asche. 1810 wurde das Kloster aufgehoben, die anwesende Geistlichkeit (Propst, Pfarrer und Kaplan) behielt jedoch das Wohnrecht im Kloster, die Klosterkirche ersetzte schließlich ab 1830 die baufällige Pfarrkirche und ging 1955 in das Eigentum der Pfarrgemeinde über.

An Büchern aus der Klosterzeit ist nicht sehr viel übrig geblieben. In der Regel hatten die Nonnenklöster auch nicht die großen Bibliotheken wie die Männerklöster. Wenn eine größere Anzahl von Büchern da war, dann waren sie normalerweise für den Pater gedacht, der im Kloster die Seelsorge übernahm. Die sechs noch vorhandenen Inkunabeln aus Willebadessen zeigen diese Tatsache auch deutlich. In einer ist ein Besitzvermerk aus Abdinghof mit dem Vermerk, daß dieses Buch für den Pater in Willebadessen angeschafft worden sei. Auch die übrigen Bände sind so typisch seelsorglich ausgerichtet (vorwiegend Sermones), daß man davon ausgehen kann, daß diese Bücher zwar wohl zum Kloster Willebadessen gehört haben, jedoch eher für den Seelsorger denn für die Nonnen gedacht gewesen sind.

 

4. Die Fragmente

Eine kleine, aber nicht uninteressante Gruppe des Inkunabelbestandes bilden die Fragmente. Diese Bücherreste sind zum Teil schon vor Jahrzehnten aus Einbänden herausgelöst worden. Nur in den wenigsten Fällen wurde festgehalten, aus welchen Büchern diese Fragmente stammen. Daher sind sie als Gruppe ungeeignet für Provenienzuntersuchungen. Insgesamt handelt es sich um elf Stücke ganz unterschiedlichen Umfangs von einem halben Blatt bis zu mehreren Lagen. Bemerkenswert ist vor allem das Fragment der Gutenbergbibel (B 42) aus einem Pergamentexemplar und der 48-zeiligen Bibel von 1462. Ein weiteres Pergamentstück enthält Texte aus dem Utrechter Brevier von 1487. Auch die beiden Drucke der Brüder vom gemeinsamen Leben aus Marienthal (1475) bzw. Brüssel (1487) sind erwähnenswert. Fast komplett aus einem Einband stammt das Fragment 70: Johannes de Turnhout, Casus breves.

Insgesamt gesehen ist der Bestand der Fragmente selbst sehr fragmentarisch, es befindet sich in der Bibliothek in den Einbänden oder als Vorsätze noch reichlich Material für diese Gruppe im Bereich der Handschriften, auch für den Bereich der Inkunabeln dürfte noch einiges Versteckte in Zukunft zu erwarten sein, zumal die rund 10.000 Bände aus dem 16. und 17. Jahrhundert natürlich nicht systematisch auf Inkunabelfragmente untersucht werden konnten.