Hermann-Josef Schmalor
Sehr geehrter Herr Landrat, meine Damen und Herren,
„Wir hatten uns schon lange danach gesehnt, diese Abtei zu besuchen, die ja ein Abbild unseres Corbie in Frankreich ist. Und wir wurden aufgenommen nicht wie Fremde, sondern wie Brüder.“ Mit diesen Worten beginnen zwei französische Benediktiner, nach ihrem Heimatkloster auch Mauriner genannt, die Schilderung ihres sehr angenehmen Aufenthaltes im Corvey des Jahres 1718. Sie fanden nun nach den Plünderungen und Verwüstungen im Jahrhundert zuvor ein wieder prächtig aufgebautes Kloster vor: der jetzige Abt – heißt es - könne sicherlich drei Fürsten mit dem ganzen Gefolge gleichzeitig logieren lassen.
Mit diesem Bericht stehen wir mitten in der Amtszeit des Fürstabtes Maximilian von Horrich, der nicht nur die barocken Gebäude vollendet hat, sondern auch als der eigentliche Neubegründer der Corveyer Klosterbibliothek gilt. Auch ihn charakterisieren die beiden Mauriner mit eindringlichen Worten: „Er ist ein sehr menschlicher Prälat, hat nichts Stolzes an sich, und nur an den Huldigungen und Ehrenbezeugungen, die man ihm macht, erkennt man, daß er ein Fürst ist. Seine fürstliche Würde aber läßt ihn nicht vergessen, daß er Mönch ist. Er hält die Regel streng ein, wohnt dem Chorgebet täglich sehr pünktlich bei, ohne davon Aufhebens zu machen. Von ihm können wir nur Gutes sagen, ebenso vom Prior, einem gelehrten Mann, und vom Subprior, der sehr fromm ist. Die ganze Gemeinschaft hat uns sehr erbaut.“ Dieses Lob ist durchaus ernst zu nehmen, schreiben doch die beiden Mönche ansonsten auch frank und frei alles auf, was ihnen nicht so paßt, wie z.B. ihr Empfang in Bredelar, wo sie nach einer langen Reise bei Wind und Wetter ankommen und in die Küche geschickt werden, um sich aufzuwärmen. Dort sitzen jedoch schon zehn große Jagdhunde um das Herdfeuer herum, die ihnen die Plätze nicht freigeben. Das hatte sie etwas geärgert.
Im Ganzen bietet uns dieser Reisebericht eine der seltenen Gelegenheiten, einen Blick in einzelne Klöster zu werfen, und zwar so, wie sich diese zu Beginn des 18. Jahrhunderts gerade im Betrieb befanden und von Außenstehenden gesehen wurden. Die beiden Benediktiner schildern schlicht und schnörkellos ihre Eindrücke, die sich heute als hervorragendes zeitgeschichtliches Zeugnis darstellen. Sie beschreiben vor allem die historischen Monumente, die Archive und Bibliotheken, aber auch die Liturgie und deren Besonderheiten sowie die Lebensumstände in den Klöstern.
Von der Corveyer Bibliothek wissen sie, daß sie früher einmal sehr reich an Handschriften gewesen sei, wohl aber auch von den Häretikern und den Schweden im Dreißigjährigen Krieg nicht verschont wurde. Einiges sei aber noch vorhanden, was nicht zu verachten sei. Sie zählen einige alte Werke auf, von denen besonders ein sehr altes Evangelium (vielleicht das Corveyer Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert, heute in der Akademischen Bibliothek Paderborn) und eine Sammlung von Gesetzen der Sachsen, Franken und Thüringer (heute im Staatsarchiv Münster) besonders hervorzuheben sind.
Leider schreiben sie nichts über den aktuellen Bestand und Zustand der Corveyer Bibliothek, den wir jedoch – jedenfalls teilweise – aus anderen Quellen rekonstruieren können. Dabei spielen die in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn und in der Fürstlichen Bibliothek Corvey noch vorhandenen Bücher und Akten eine Hauptrolle. Wir haben hier in dieser Ausstellung versucht, verschiedene Aspekte der neuzeitlichen Corveyer Klosterbibliothek, das heißt konkret die Zeit von etwa 1650 bis etwa 1800 darzustellen.
Den Anfang machen die Werke, die nachweislich noch aus der alten, mittelalterlichen Bibliothek nach dem Dreißigjährigen Krieg übrig geblieben waren. Viel war nicht mehr da. Schwere Verluste vor allem an wertvollen Handschriften, hatte es bereits im späten Mittelalter und zur Zeit des Humanismus gegeben, als die Gelehrten auf der Suche nach klassischen Texten auch die Klöster heimsuchten und dort Klassiker-Handschriften entdeckten, die sie gern als Lohn für diese Entdeckung mitnahmen. Einnert sei an den berühmten Tacitus-Codex.
Das endgültige Ende der alten Corveyer Klosterbibliothek aber kam mit dem Dreißigjährigen Krieg. 1632 war das Kloster von Freund und Feind gleich viermal so schwer heimgesucht worden, daß es nicht mehr bewohnbar war. Der Abt mußte nach Höxter ziehen und dort eine Wohnung nehmen. 1634 hatten ausgerechnet die kaiserlichen Truppen das Kloster noch einmal ausgeplündert und fast den ganzen Kirchenschatz geraubt. Auch die Bibliothek war schwer getroffen worden. So wird berichtet, daß einer der plündernden Soldaten seine Bücherbeute an einen Buchdrucker in Höxter verkaufte, der das Pergament als Einbandmaterial verwendete. Trotz alledem aber gab es noch ganz wenige Bücher, die die Stürme der Zeit - aus welchen Gründen auch immer - überstanden hatten. Diese bildeten somit den ersten Grundstock für die neue Corveyer Bibliothek.
An dieser Stelle müssen wir noch eine etwas merkwürdige Erwerbung erwähnen, von der man weiter nichts weiß, als daß sie stattgefunden hat – vor, im oder nach dem Dreißigjährigen Krieg. Es handelt sich um die Überführung zahlreicher Handschriften und Frühdrucke aus Bursfelde nach Corvey.
Bursfelde, die Wiege der historisch bedeutsamsten und nachhaltigsten Reformbewegung des Benediktinerordens in Norddeutschland, war 1542 lutherisch geworden und wollte vermutlich alten überholten theologischen Ballast abwerfen, der den Vorstellungen der Lutheraner nicht mehr entsprach und den ohnehin vermutlich kein Mensch mehr lesen konnte. Unter welchen Umständen und wann diese Überführung geschehen ist, kann nicht mehr festgestellt werden, zumindest ist diese Frage in der vorliegenden Literatur noch nicht gelöst. Als Zeugen dieser Aktion gibt es nur noch eine Reihe von Büchern, die die Zeitläufte überlebt haben. Etwa 20 Handschriften und acht Inkunabeln aus Bursfelde befinden sich heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek und sind sowohl an einem entsprechenden Besitzvermerk wie auch an den typischen Einbänden, die durchweg ein Titelschildchen auf dem Vorderdeckel aufweisen, zu erkennen. Knapp 30 dieser Bursfelder Handschriften aus Corvey befinden sich darüber hinaus heute in der Universitätsbibliothek Marburg. Es ist einerseits nicht zu beweisen, andererseits aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen, daß Corvey sich diese Bursfelder Altbestände sicherte, nachdem ja nach der Zerstörung so gut wie gar nichts mehr da war und man zunächst auch mit älteren Werken vorlieb nehmen mußte. So würden also auch diese Bücher aus Bursfelde nicht mehr der alten Corveyer Bibliothek zuzurechnen sein, sondern den Beginn der neuzeitlichen bibliothekarischen Arbeit in Corvey markieren. Einige dieser Bände finden Sie hier in der Ausstellung vor.
Doch mit diesen Altbeständen gab man sich wohl nicht lange zufrieden. Noch im Dreißigjährigen Krieg selbst und bald danach wurden einzelne neue Werke dazugekauft. Der erste datierte Neukauf fand bereits 1636 statt. Auch aus den vierziger und fünfziger Jahren gibt es einige Erwerbungen. Zahlreicher wurden dann die Bücherkäufe unter dem Administrator Christoph Bernhard von Galen, als der damalige Prior die Bibliotheksaufgaben wahrnahm.
Aus der Corveyer Propstei in Meppen, wo es wohl auch eine kleine Bibliothek gab, ließ man 1692 Bücher kommen. Aus diesem Bestand wurde die Klosterbibliothek von Corvey vor allem wohl auch mit älterer Literatur aufgefüllt.
Systematische Erwerbungen lassen sich jedoch anhand der in Paderborn noch vorhandenen Bestände und der Erwerbungsnotizen in ihnen erst mit der Amtszeit des Florentius von dem Velde (1696-1714) feststellen, der offensichtlich einen Mitbruder mit Bücherkäufen und Bibliotheksarbeiten beauftragt hatte, nämlich den späteren Prior Ansgar de Grass, ein – wie die beiden Mauriner eigens bemerken – sehr gelehrter Mann. In den Anfang seiner Verantwortung für die Bibliothek fiel eine bedeutende Stiftung: Die große Kirchenväterausgabe „Magna biliotheca veterum patrum“. Dieses 14-bändige Werk stiftete Otto Ferdinand de Borch der Klosterbibliothek, als sein Bruder Wilhelm, jetzt Florentius de Borch nach beendetem Noviziat am 21. März 1699 in Corvey eintrat. Seit etwa 1700 kaufte dann Ansgar de Grass systematisch sehr aktuelle, vor allem theologische Literatur, die für das geistige und geistliche Leben im Kloster dringend erforderlich war. Bei seinen Erwerbungen hat man in der Tat den Eindruck eines zielstrebigen, unter Notwendigkeits- und Nützlichkeitsgesichtspunkten erfolgten Bestandsaufbaus. Noch als Prior konnte er 1718 – also bereits unter Maximilian von Horrich - das gesammte Büchervermächtnis des Johann Otto Grondorf, der Pfarrer in Fürstenau und Kanoniker in Höxter war, als Geschenk für die Corveyer Bibliothek entgegennehmen, wie aus einem sehr ausführlichen Schenkungsvermerk hervorgeht.
Wir haben in dieser Ausstellung Maximilian von Horrich in die Mitte gestellt. Er amtierte nur sieben Jahre lang als Abt, nämlich von 1714 bis 1721, hatte für das Kloster und besonders für die Bibliothek jedoch eine außergewöhnliche Bedeutung. In einem Glückwunschgedicht mit einem Portraitkupfer, das die Corveyer Mönche ihrem Abt ein Jahr nach der Wahl widmeten, werden seine Verdienste um das Kloster besungen. Hier preist eine Reihe von sogenannten Triumphbögen die besonderen Leistungen des Abtes. Der zweite dieser Bögen trägt den Titel „Macsimilianus ab Horrich novae bibliothecae Corbeiensis fundator“. Die folgenden Verse stellen einen Dialog zwischen Minerva und Merkur – also grob gesprochen zwischen Kunst und Geld dar. Der Inhalt selbst ist ohne historische Bedeutung und läßt im besten Falle Rückschlüsse auf die Kunstfertigkeit der Corveyer Versemacher zu.
Maximilian scheint vor allem deshalb als der Begründer der neuen Corveyer Bibliothek angesehen zu werden, weil er den baulichen Teil, den Bibliotheksraum, fertiggestellt hatte. An Büchern war ja bereits einiges vorhanden, was seine Vorgänger, insbesondere der Prior Ansgar de Grass erworben hatte, und was mit Fug und Recht auch als „Bibliothek“ bezeichnet werden konnte, die jedoch noch erheblicher Ergänzungen bedurfte. Der neue Bibliothekssaal war als typische barocke Bibliothek konzipiert mit umlaufender Galerie. An allen Seiten waren so über zwei Geschosse Schränke aufgestellt.
Nun waren die vorhandenen Bücher – man denke an die alten Handschriften und Frühdrucke aus Bursfelde oder gar Meppen – in keiner Weise geeignet, in diesen Schränken ein barockes Ambiente hervorzubringen. Ebenso war der optische Eindruck einer Barockbibliothek, die ja auch den notwendigen Repräsentationspflichten und –bedürfnissen eines Fürsten Genüge tun sollte, erst dann wirklich gegeben, wenn diese Schränke auch einigermaßen gefüllt waren. So verlangten die noch leeren Schränke, die um 1718/19 fertig geworden sein dürften, geradezu dringend nach Inventar. In den Jahren 1719 und 1721 haben dann regelrechte Großeinkäufe stattgefunden. So kaufte Abt Maximilian Bücher, wo immer er derer habhaft werden konnte, um damit die Bibliothek stilgerecht zu füllen. Diese Leitidee scheint ihn bei den Neuerwerbungen regelrecht beflügelt zu haben. Er kaufte, wie die Vermerke in den Büchern zeigen, in Höxter und Holzminden von Leuten, deren Namen er nicht einmal kannte. Die größte Erwerbung aber erfolgte durch den Abt, als er auf einer Auktion in Bremen 1721 eine erhebliche Anzahl von Büchern erstehen konnte, die zum Teil aus Prager Bibliotheken stammten und zwar aus dem Prämonstratenserkloster Mons Sion (Strahow-Kloster) und aus dem dortigen Jesuitenkolleg. Auch von den Jesuiten in Heiligenstadt waren Bücher dabei. Leider ist über diese Auktion im einzelnen nichts bekannt. Übriggeblieben sind bis heute davon fast 80 Werke, zahlreiche davon in mehreren Bänden. Bei solchen Anschaffungen entsteht natürlich der Eindruck, daß das fachlich-systematische Erwerbungselement hinter die quantitativen Erfordernisse der leeren Schränke zurücktrat, es also hier kurz und knapp gesprochen mehr auf Masse als auf Klasse ankam. Maximilian achtete zudem bei den Einkäufen im Allgemeinen darauf, daß die Bücher – sofern sie bereits Einbände hatten - in weißes Leder oder Pergament eingebunden waren. Auf die Buchrücken ließ er zwei hellblaue Streifen anbringen, der obere, der in der Regel den Titel des Werkes enthielt, wurde oft noch mit einem schwarzen Rand eingefaßt. Auf dem unteren Streifen wurde die Signatur, also der Standort des Buches in der Bibliothek, vermerkt. Die blaue Farbe auf den Bücherrücken korrespondierte mit dem Blau der prachtvoll geschnitzten und mit Gold verzierten Schrankschilder, auf denen die Sachgebiete der jeweiligen Schränke geschrieben waren. Wir haben versucht hier in der Ausstellung ein wenig von der Atmosphäre dieser Bibliothek darzustellen. So wollte Maximilian seiner Bibliothek ein helles, freundliches und vor allem einheitliches Aussehen geben. Das ist ihm wohl nach allen noch vorliegenden Quellen und Monumenten auch gelungen. Trotz der Betonung der für den Barock gar nicht so unwichtigen Äußerlichkeiten scheint es ihm dennoch geglückt zu sein, mit einer Reihe von brauchbaren, nützlichen, notwendigen Werken seiner Zeit die Bibliothek auch qualitativ bereichert zu haben. Maximilian starb nach siebenjähriger Amtszeit 1721.
Seine Nachfolger führten sein Werk zwar nicht mit dem gleichen Schwung – zumindest, was die quantitative Seite angeht -, aber doch mit den besten Absichten fort. So wissen wir, daß Karl von Plittersdorf im Jahre 1730 die berühmte „Maxima bibliotheca veterum patrum“ in 27 Bänden für 145 Taler anschaffte. Auch Kaspar von Böselager wird in der Jahrhundertmitte des öfteren in Kaufvermerken genannt. Schließlich sei auch noch Theodor von Brabeck erwähnt, der letzte Fürstabt und erste Fürstbischof von Corvey, der 1778 schon die im gleichen Jahr erschienene 23-bändige „Deutsche Enzyklopädie oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller Künste und Wissenschaften“ erwarb.
Gegen Ende der Klosterzeit änderte sich auch das äußere Erscheinungsbild der Bibliothek. Nicht mehr die weißen Leder- und Pergamenteinbände waren vorherrschend, sondern die verzierten Rücken der braunen Einbände, in denen die Bücher schon gebunden gekauft wurden. Da der Titel auf dem Rücken bereits aufgedruckt war, bekamen diese Bände nur noch einen blauen Streifen für die Signatur, also die Standortbezeichnung in der Bibliothek.
Mehr und mehr wurde die Bibliothek auch Sammelstelle für Vorlesungsmanuskripte und Vorlesungsnachschriften, Disputationen und Lehrbücher von Corveyer Professoren und Studenten wie etwa von Justinus ab Andlau (Professor der Theologie) und von Philipp Spiegel von Desenberg. Der Abdinghofer Mönch Florentius Pelicaeus hielt in Corvey Vorlesungen, die der Student Warinus de Schade nachschrieb. Auch hebräische und griechische Lehr- und Wörterbücher waren neben den biblischen Texten in den Originalsprachen für das Studium vorhanden.
Besonders in dieser späteren Zeit hatte die Corveyer Klosterbibliothek aber offenbar nicht nur die Funktion, Studium und Lehre, Seelsorge und Liturgie zu begleiten, sondern es findet sich auch ausgesprochene Unterhaltungsliteratur in der Bibliothek vor. Hingewiesen sei auf eine um 1770 erschienene 30-bändige Übersetzung eines 44-bändigen französischen Originals von Reisebeschreibungen des Joseph de Laporte, der zwar als Abt bezeichnet wird, aber außer in einem kurzen Intermezzo als Jesuit nie als Geistlicher tätig war. Weiterhin gab es auch etliche Romane wie etwa die Don-Quichotte-Geschichten. Merkwürdig für eine benediktinische Klosterbibliothek mutet das Vorhandensein von Samuel Richardsons Briefroman „Pamela oder die belohnte Tugend“ an. In fiktiven Briefen des Dienstmädchens Pamela Andrews schildert der Autor deren Widerstände gegen die Avancen ihres Dienstherren. „Aus dem gewissenlosen Wüstling – so heißt es in Kindlers Literaturlexikon – wird ein ernsthaft Liebender, der in allen Ehren um Pamela wirbt...“ Der Roman wurde schnell so populär, „daß es – so heißt es weiter – bei der bürgerlichen Damenwelt als sträfliche Unterlassung galt, das Buch nicht zu kennen.“ Wer von den Mönchen mag so etwas wohl gelesen haben?
Diese Beispiele sollen nun nicht den Eindruck erwecken, als habe es in Corvey nicht anderes mehr gegeben. Natürlich war der größte Teil immer noch theologische, juristische und historische Literatur – auch in dieser Reihenfolge.
So war durch die überaus fruchtbaren Bemühungen der Äbte des 18. Jahrhunderts aus der Klosterbibliothek eine moderne Gebrauchsbibliothek geworden, von der beim Übergang vom Kloster zum Bistum 1793 auch ein Katalog angefertigt wurde, der alles in allem wohl rund 6000 Titel (das bedeutet erheblich mehr Bände!) enthielt.
Das endgültig letzte Kapitel der Corveyer Klosterbibliothek begann dann mit der Säkularisation 1803. Man schrieb zwar den 1793 entstandenen Bibliothekskatalog ab, aber mit den Büchern geschah fast 10 Jahre lang nichts. Erst mit dem Juristen Paul Wigand, der großes Interesse an der Corveyer Geschichte hatte, trat wieder eine sorgende und ordnende Persönlichkeit in die Corveyer Bücherwelt ein. Er stellte für die Universitätsbibliothek Marburg 400 Werke, dazu 29 Handschriften – das sind die oben bereits erwähnten aus Bursfelde - zusammen, die 1812 dort eintrafen. In der preußischen Zeit wurden 1820 rund 200 Bände für die neugegründete Universität in Bonn ausgesucht und dorthin überführt. Einen weiteren Teil übernahm der Domdechant Freiherr von Schade, der eine Bibliothek für die Geistlichkeit des Corveyer Landes gründen wollte. Etliche Bände gelangten in die Dechaneibibliothek Höxter. Der größte heute noch zusammenhängende Bestand von etwa 2.500 Bänden ist als Depositum der Pfarrei Corvey heute in der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn. Einige wenige, jedoch nicht unbedeutende Werke konnte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Jahre 1865 von dem greisen Paul Wigand für die Fürstliche Bibliothek Corvey erwerben.
Mit dieser Ausstellung möchten wir Ihnen die Klosterbibliothek von Corvey nach den Dreißigjährigen Krieg und bis zur Säkularisation etwas näherbringen und vorstellen. Von den drei Corveyer Bibliotheken, der mittelalterlichen, vorwiegend handschriftlichen Klosterbibliothek, der neuzeitlichen barocken Klosterbibliothek und der Fürstlichen Bibliothek, die alle drei untereinander kaum Berührungspunkte haben, ist die neuzeitliche Klosterbibliothek, also von etwa 1650 bis 1803 wohl die am wenigsten bekannte. Dem soll diese Ausstellung ein wenig abhelfen. Dabei war besonders die Zusammenarbeit mit der Fürstlichen Bibliothek in der Person von Herrn Dr. Tiggesbäumker sehr fruchtbar und effektiv. Er konnte eine Reihe von Akten und Büchern zur Klosterbibliothek zur Verfügung stellen. Den Höhepunkt, sozusagen den Clou dieser Zusammenarbeit aber stellt die Präsentation von Einrichtungsstücken aus der barocken Klosterbibliothek dar, die bislang völlig verloren geglaubt waren: Die Schrifttafeln bzw. –bänder, die mit der Bezeichnung des Faches über den Bibliotheksrepositorien gehangen haben, das Wappen Maximilians von Horrich, der Himmelsglobus aus der alten Bibliothek – sogar einige Ballustraden von der Galerie sollen noch vorhanden sein, die aber hier nicht gezeigt werden können, weil sie noch nicht wieder aufgearbeitet sind oder für Kirchen in der Umgebung von Höxter verwendet wurden. Nicht zuletzt ist auch seit Mai dieses Jahres der alte Bibliotheksraum selbst mit der Original-Stuckdecke aus der Klosterzeit im Verbindungstrakt zwischen Konvent und Prälatur wieder zu begehen, der jetzt als Ausstellungsraum dient und in den auch eine Galerie wieder eingezogen werden soll.
So kommen nun nach fast zweihundert Jahren für kurze Zeit einige der Bücher wieder zurück in ihre Heimat – zwar nicht in ihren alten Raum, aber doch in ihr historisches Umfeld, in dem sie in ihrer Zeit eine für die Fürstabtei Corvey nicht unbedeutende Rolle für Studium, Lehre und Seelsorge, nicht zuletzt aber auch für Erbauung und Zerstreuung der Mönche gespielt haben. Dafür ist allen hier im Schloß Corvey, die dies ermöglicht haben, vor allem aber Herrn Dr. Tiggesbäumker zu danken, ebenso wie der Historischen Kommission für Westfalen, die diese Ausstellung in den Rahmen ihres wissenschaftlichen Kolloquiums hineingenommen hat. Der letzte Dank, meine Damen und Herren, gebührt Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit hier in Corvey, an einem Ort, den die beiden eingangs zitierten reisenden Benediktinermönche, die Mauriner, als „Paradies des Sachsenlandes“ empfunden haben.