Vierhundert Jahre Paderborner Ritualien
1602 - 2002
Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg
Bis zum Jahr 1585, dem Todesjahr
des Fürstbischofs Heinrich von Sachsen-Lauenburg, der die Anliegen der
Reformation unverhohlen gefördert hatte, war der größte Teil des Paderborner
Landadels (etwa 30 Familien) evangelisch, namentlich u.a. die Edelherren von
Büren (calvinistisch geprägt), die Herren von Haxthausen, von Amelunxen, von
Oeynhausen, von Mengersen und von Spiegel.
Die Auswirkungen auf Stadt und
Hochstift Paderborn waren nicht ausgeblieben: Der größere Teil der Bevölkerung,
vor allem in den Städten, war evangelisch geworden - bis eben zum Jahr 1585,
dem „Jahr der katholischen Wende“.
In diesem Jahr wurde Dietrich von
Fürstenberg, seit 1577 bereits Dompropst in Paderborn, zum Bischof gewählt.
Sein erklärtes Ziel war die Rekatholisierung von Stadt und Hochstift Paderborn.
Im Sinn der Katholischen Reform suchte er die Gläubigen durch Belehrung und
Überzeugung wiederzugewinnen; im Sinn der Gegenreformation nutzte er zu diesem
Zweck auch die politischen Mittel seiner fürstbischöflichen Macht.
Katholische Reform und
Gegenreformation waren also parallele, sich ergänzende Erneuerungsversuche. Das
Trienter Konzil (1545-1563), selbst schon Ausdruck der Katholischen Reform,
machte die innere Erneuerung zur theologischen Richtschnur für die ganze
Kirche. Vorbildhaft sollte der katholische Klerus ausgerichtet sein:
theologisch gebildet, geistlich geprägt, moralisch integer.
Ein Mittel dieser Rekatholisierung
war die Agende 1602, deren Kauf und Benutzung den Geistlichen vom Bischof
zwingend vorgeschrieben wurde. Die Agende enthält einen kurzen Abriß der
Dogmatik, Moral, Liturgik, Rubrizistik, des Kirchenrechts, einige Ratschläge
zur Katechese und Pastoral, die verbindliche Form der Sakramentenspendung, das
gottesdienstliche Ritual und im Anhang den sogenannten kleinen Katechismus des
Canisius. In den Patronatspfarreien des evangelischen Paderborner Stiftsadels
und in manchen evangelischen Städten stieß die Einführung auf zum Teil sehr
heftigen Widerstand, in der Literatur zusammengefaßt unter dem Stichwort
„Agendenstreit“.
Auch in die Paderborner Stadtpolitik
griff der Fürstbischof interessegeleitet ein. Die Mißwirtschaft des Paderborner
Stadtrates, der hauptsächlich von Mitgliedern der traditionellen Paderborner
Ratsfamilien gestellt wurde, forderte den energischen Widerstand der anderen
Bürger unter Bürgermeister Liborius Wichart heraus. Die Eskalation des in der
Literatur so genannten Kampfes um Paderborn im Jahr 1604 endete mit der
militärischen Unterwerfung der Stadt durch den mit dem Fürstbischof verbündeten
Grafen von Rietberg, führte zur Vierteilung Wicharts, zur Aufhebung der
Selbstverwaltung der Stadt und zum Verbot evangelischer Gottesdienste in der
Stadt.
Das Jahr 1612 darf als
Schlüsseljahr für die Rekatholisierung Paderborns angesehen werden: Die
Beendigung des Streites zwischen Bischof und Domdechant Arnold von Horst, das
Eintreffen der Kapuziner, die sich der Pastoral des Kleinbürgertums und der
unteren gesellschaftlichen Schichten widmeten, und das endgültige
Einverständnis Dietrichs mit der Wahl Ferdinands von Bayern zum bischöflichen
Koadjutor ließen von diesem Zeitpunkt an ein koordiniertes Voranschreiten der
Rekatholisierung sicher erscheinen.
1616 wurde die erste Universität
Westfalens mit theologischer und philosophischer Fakultät unter Leitung der
Jesuiten und unter dem Protektorat Dietrichs von Fürstenberg offiziell
eröffnet.
Der Tod Dietrichs 1618 und der
Beginn des 30jährigen Krieges im selben Jahr, der allerdings für Paderborn erst
mit dem radikalen Einfall des Herzogs Christian von Braunschweig 1622 begann,
brachten für Paderborn bis zum Ende des Krieges 1648 sechzehnmal Frontwechsel
verbunden mit verheerenden Plünderungen, Kontributionen, Verwüstungen und
Krankheiten mit sich. Schließlich bestätigte der Westfälische Frieden 1648
Paderborn als Fürstbistum katholischen Bekenntnisses.
(Maria Kohle, in: 400 Jahre
Buchdruck in Paderborn. Paderborn 1997.)
Auch wenn die unter Dietrich von
Fürstenberg in großer Zahl abgehaltenen Diözesansynoden wohlgemeinte
Anweisungen für die Seelsorge gaben und die Pfarrer oft auch gute Vorsätze
hatten fehlte doch ein praktisches Handbuch, das eine einheitliche
Sakramentenspendung gewährleistete und überhaupt die gesamte Seelsorge regelte.
Diese Lücke schloß Dietrich vor genau mit der Einführung der ersten Paderborner
Agende vor genau 400 Jahren, im Jahr 1602. Sie knüpfte insbesondere in ihren
Vorschriften für die Sakramentenspendung
bewußt an die althergebrachte Praxis der Paderborner Kirche an. Sie
sollte, wie Dietrich im Einführungsdekret betonte, nicht nur dem
Diözesanklerus, sondern auch den fremden Geistlichen, die im Bistum tätig
wurden, eine Hilfe zur einheitlichen Seelsorge sein.
Titelblatt der Agende aus dem
Jesuitenkolleg in Paderborn.
Links handschriftlich eingetragen ein
Formular für die Segnung von Rosenkränzen. Besitzeintrag aus dem Jahr 1610. Der
Kupferstich auf dem Titelblatt zeigt Jesus als den guten Hirten. Das Motiv wird
auch im großen Bild im Inneren der Agende wieder aufgenommen.
Der Verfasser: Abt Leonhard Ruben
OSB (Abdinghof)
Ging man im 19. Jahrhundert noch
davon aus, der Fürstbischof selbst habe die Agende zusammengestellt, so konnte
Hugo Kramer 1953 nachweisen, daß der auch kontoverstheologische Abdinghofer Abt
Leonhard Ruben als Verfasser zu gelten hat. Ruben war seit 1596 Abt in
Paderborn, hatte aber bereits als Jesuit in der achtziger Jahren des 16.
Jahrhunderts seine Erfahrungen mit der Paderborner Situation machen können.
Bereits im Jahre 1600 hatte er durch sein ebenfalls bei Pontanus erschienenes Werk
„De falsis prophetis et lupis rapacibus“ (Über die falschen Propheten und die
reißenden Wölfe) literarische Kontroversen ausgelöst.
Die Durchführung des bischöflichen
Mandats zur Annahme der Agende stieß in einigen Orten des Bistums auf massiven
Widerstand. Gestützt auf ihre Patronatsherren wiesen die Gemeinden Körbecke und
Rheder die Annahme der Agende entschieden zurück und fanden dabei die
Unterstützung eines Teils des Domkapitels, der Ritterschaft und der Städte. Der
Streit zog sich trotz Einschaltung des Kaisers und des Reichskammergerichts
über mehr als fünf Jahre hin und wurde schließlich im Sinne Dietrichs gütlich
beigelegt. Die Hartnäckigkeit des Bischofs in dieser Angelegenheit macht
deutlich, wie sehr er die Agende, die nun fast überall im Fürstbistum befolgt
wurde, als Mittel der Reform und der Kontrolle schätzte
Die Agende schickt ihren pastoralen
Anweisungen ein Bild voraus, das den „guten Hirten“ zeigt, der sein Leben für
die Schafe gibt. „Hoch ragt das Kreuz empor. Zu Füßen kniet ein Pastor des
Stiftes Paderborn ... Vom Kreuz herab spricht Christus: ‚Wehe den Hirten, die
sich selbst weiden.’ Ein zweites Wehe des Herrn folgt: ‚Wehe den Hirten, die
die Herde meiner Weide zerstreuen’. Der Pastor verspricht: ‚Ich werde die
zerstreuten Schafe meiner Herde sammeln.’ Nun gibt Christus dem Pastor die
Zusage: ‚Du bist mein Hirt, und meinen Willen wirst du ganz erfüllen.’ Der
Pastor versichert: ‚Ich bin der gute Hirt. Ich werde meine Herde bewahren und
sie nicht rauben lassen.’ Der Gekreuzigte schließt das Zwiegespräch: ‚Der gute
Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.’“ (Paul Aufderbeck: Weltpriesterliche
Spiritualität nach Paderborner Quellen. In: Paderbornensis Ecclesia. Paderborn
1972, S. 345)
Buchpate gesucht für diese
Agende, die in der Pfarrei Salzkotten
benutzt wurde. Es stammt aus einer Schenkung des Bernardus Haken. - Dieses
Exemplar mit dem sehr schönen Einband in braunem Leder, der im Mittelfeld das
Wappen Dietrichs von Fürstenberg trägt, ist stark restaurierungsbedürftig. Es
wäre sehr zu wünschen, wenn sich für das Buch ein Pate fände.
V. Agenden, die im Bereich des heutigen Erzbistums Paderborn in Gebrauch
waren